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📋 Das Wichtigste in Kürze
- Mission: Forschungsschiff „Chikyu“ fördert seltene Erden aus 6.000 Metern Tiefe – weltweit erstmals
- Zeitraum: 12. Januar bis 14. Februar 2026 (einmonatige Testphase)
- Ziel: 35 Tonnen Tiefseeschlamm vor der Koralleninsel Minamitorishima bergen
- Investition: 40 Milliarden Yen (215 Mio. Euro) seit 2018 in das Projekt geflossen
- Besonderheit: Schlamm enthält 50% schwere seltene Erden (China: nur 25%)
- Potenzial: Vorkommen könnten globalen Bedarf für mehrere hundert Jahre decken
- Hintergrund: Japan will Abhängigkeit von China (aktuell 60%) weiter senken
Japan seltene Erden Tiefsee – diese Kombination markiert am 26. Januar 2026 einen Wendepunkt in der globalen Rohstoffpolitik. Das 210 Meter lange Forschungsschiff „Chikyu“ befindet sich derzeit auf einer historischen Mission im Pazifik. Rund 1.900 Kilometer südöstlich von Tokio soll die Crew einen geologischen Schatz heben, der die Weltwirtschaft verändern könnte.
Was sucht Japan in 6.000 Metern Tiefe?
Die „Chikyu“ – auf Deutsch „Erde“ – steuert ein Seegebiet nahe der winzigen Koralleninsel Minamitorishima an. Dort verbergen sich in 6.000 Metern Tiefe riesige Mengen an Tiefseeschlamm, der mit seltenen Erden angereichert ist. Diese 17 chemischen Elemente sind unverzichtbar für moderne Technologien: Sie stecken in Magneten für Elektrofahrzeuge, Festplatten, Windkraftanlagen und Lenksystemen von Militärgerät.
Die Zielvorgabe der Mission: 35 Tonnen Sediment an die Oberfläche holen. Pro Tonne Schlamm rechnen Experten mit etwa zwei Kilogramm seltener Erden. Das klingt wenig, doch die Konzentration macht den Unterschied – und die schiere Größe der Lagerstätte.
„Es ist wichtig, eine Versorgungsquelle zu haben, die jederzeit betriebsbereit ist, falls die Lieferungen von seltenen Erden nach Japan unterbrochen werden.“
— Shoichi Ishii, Direktor des Förderprogramms für Meeresressourcen
Warum ist die Chikyu-Mission so bedeutend?
Die laufende Expedition gilt als weltweit erster Versuch, kontinuierlich seltene Erden aus einer Tiefe von sechs Kilometern zu fördern. Die Japan Agency for Marine-Earth Science and Technology (JAMSTEC) verantwortet das Projekt, an dem 130 Forscher und Besatzungsmitglieder beteiligt sind.
Die „Chikyu“ ist für solche Aufgaben gebaut. 2024 stellte das größte Forschungsschiff der Welt bei einer Expedition für das internationale Ocean Discovery Program mit einer Bohrtiefe von 7.906 Metern einen Weltrekord auf. Riesige Turbinen halten die Position auch bei schwerer See exakt, damit die Bohrrohre nicht reißen.
| Fakten zur Mission | Details |
|---|---|
| Schiff | Chikyu (210 Meter, größtes Forschungsschiff der Welt) |
| Missionszeitraum | 12. Januar – 14. Februar 2026 |
| Zielgebiet | Minamitorishima (1.900 km südöstlich von Tokio) |
| Fördertiefe | 6.000 Meter unter dem Meeresspiegel |
| Förderziel | 35 Tonnen Tiefseeschlamm |
| Besatzung | 130 Forscher und Crew-Mitglieder |
| Investition seit 2018 | 40 Milliarden Yen (ca. 215 Mio. Euro) |
| Verantwortlich | JAMSTEC im Rahmen des SIP-Programms |
Was macht die Vorkommen vor Minamitorishima besonders?
Der Tiefseeschlamm vor der japanischen Koralleninsel unterscheidet sich fundamental von den bekannten Lagerstätten an Land. Während herkömmliche Vorkommen wie im chinesischen Bayan Obo überwiegend leichte seltene Erden enthalten, liegt der Anteil schwerer seltener Erden im Pazifikschlamm bei nahezu 50 Prozent. In China sind es nur etwa 25 Prozent.
Schwere seltene Erden wie Dysprosium, Terbium und Yttrium sind für die Industrie besonders wertvoll. Sie werden für Hochleistungsmagnete in Elektro- und Hybridfahrzeugen benötigt. Japanische Forscher errechneten, dass die Vorkommen vor Minamitorishima den globalen Bedarf an bestimmten Elementen für mehrere hundert Jahre decken könnten:
| Element | Versorgungsdauer (Jahre) | Verwendung |
|---|---|---|
| Yttrium | 780 Jahre | LEDs, Laser, Supraleitern |
| Dysprosium | 730 Jahre | Permanentmagnete, E-Motoren |
| Europium | 620 Jahre | Leuchtstoffe, Bildschirme |
| Terbium | 420 Jahre | Magnete, Festplatten |
Ein weiterer Vorteil: Die Erze an Land enthalten oft radioaktive Elemente wie Thorium und Uran, was aufwendige Entsorgungsmaßnahmen erfordert. Der Tiefseeschlamm hingegen ist sedimentär – die Strahlenwerte sind niedrig, möglicherweise sogar unterhalb der Grenzwerte für Sondermüll.
Warum will Japan unabhängig von China werden?
Der geopolitische Hintergrund der Mission ist brisant. China dominiert den Weltmarkt für seltene Erden: Das Land baut laut Internationaler Energieagentur rund 60 Prozent der globalen Vorkommen ab, bei der Verarbeitung liegt der Anteil noch höher.
Peking nutzt diese Marktmacht regelmäßig als wirtschaftliche Waffe. Bereits 2010 drosselte China den Export nach Japan, nachdem es im Ostchinesischen Meer zu Spannungen gekommen war. Die Botschaft war unmissverständlich: China konnte Japans Wirtschaft mit einem Federstrich lahmlegen.
Seitdem hat Japan seine Abhängigkeit systematisch reduziert – von 90 auf etwa 60 Prozent. Doch bei schweren seltenen Erden für Hochleistungsmagnete bleibt die Verwundbarkeit groß. Das Nomura Research Institute schätzt, dass ein einjähriger Lieferstopp das japanische Bruttoinlandsprodukt um 0,4 Prozent senken würde.
⚠️ Aktuelle Eskalation
Im Juni 2025 durchquerte der chinesische Flugzeugträger „Liaoning“ mit seinem Begleitverband die japanische Wirtschaftszone nahe Minamitorishima – während Japan dort Vermessungen durchführte. Japanische Analysten werteten dies als klare Warnung: Die abgelegene Abbaustelle liegt in operativer Reichweite der chinesischen Marine.
Welche Rolle spielen die USA bei dem Projekt?
Washington unterstützt Japans Tiefsee-Projekt aktiv. Im Rahmen bilateraler Abkommen über kritische Mineralien haben die USA und Japan eine Zusammenarbeit bei der Tiefsee-Ressourcenentwicklung vereinbart.
Das amerikanische Interesse ist strategisch: Die USA sind ein Großverbraucher schwerer seltener Erden für ihre Rüstungsindustrie – von F-35-Kampfjets bis zu Atom-U-Booten. Als US-Präsident Donald Trump China mit hohen Zöllen drohte, schlug Peking mit Exportkontrollen für seltene Erden zurück.
Welche technischen Herausforderungen gibt es beim Tiefseeabbau?
Die technischen Hürden sind immens. In 6.000 Metern Tiefe herrscht ein Druck von etwa 600 Bar – das entspricht dem Gewicht von 600 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt, absolute Dunkelheit herrscht.
Japan setzt auf eine Pumpentechnologie: Der Schlamm wird durch Steigrohre an die Oberfläche befördert. Bei einem Test 2022 vor der Küste der Präfektur Ibaraki pumpte die Chikyu bereits 70 Tonnen pro Tag aus 2.470 Metern Tiefe. Die aktuelle Mission in 6.000 Metern ist jedoch eine völlig neue Dimension.
| Phase | Zeitraum | Ziel |
|---|---|---|
| Testförderung | Januar–Februar 2026 | 35 Tonnen Sediment, Technik-Validierung |
| Großtest | Februar 2027 | 350 Tonnen/Tag, Wirtschaftlichkeit prüfen |
| Markteintritt Privat | Ab 2028 | Lizenzen für Unternehmen |
| Kommerzieller Abbau | Ab 2030 | Industrielle Förderung |
Welche ökologischen Risiken birgt der Tiefseebergbau?
Umweltschützer warnen vor unkalkulierbaren Folgen. Der Abbau wird Sediment aufwirbeln und Lebensräume zerstören, über die die Wissenschaft noch wenig weiß. Die Tiefsee gilt als eines der letzten weitgehend unberührten Ökosysteme der Erde.
Während der aktuellen Mission überwachen spezialisierte Unterwasserroboter die Trübung und den Lärmpegel. Doch kritische Stimmen bezweifeln, ob das ausreicht. Norwegens Minderheitsregierung hatte im Dezember 2025 unter politischem Druck die Lizenzvergabe für Tiefseebergbau auf Eis gelegt.
Japan kalkuliert anders: Im Zweifel können ökologische Bedenken in den Hintergrund treten, wenn die strategische Autonomie auf dem Spiel steht. Die Chikyu bohrt nicht nur nach Ressourcen – sie bohrt nach Unabhängigkeit.
Wie bewertet die Wissenschaft die Erfolgsaussichten?
Ken Koyama, Geschäftsführer des Instituts für Energieökonomie in Tokio, hält die Mission für sehr bedeutend, mahnt aber zur Vorsicht: Die genaue Einschätzung der Rohstoffmengen und Kosten sei entscheidend.
Derzeit liegen die geschätzten Förderkosten weit über den Weltmarktpreisen. Doch Japan kalkuliert nicht nach klassischen Rendite-Überlegungen, sondern nach den Kosten einer möglichen Versorgungsunterbrechung. Das macht den Unterschied.
„Während große Erwartungen an die Rohstoffexploration vor Minamitorishima geknüpft sind, ist eine genaue Einschätzung der Rohstoffmengen und Kosten von entscheidender Bedeutung.“
— Ken Koyama, Institut für Energieökonomie Japan
❓ Häufig gestellte Fragen
Was sind seltene Erden und wofür werden sie gebraucht?
Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 chemischen Elementen, darunter Neodym, Dysprosium und Yttrium. Sie sind unverzichtbar für Magnete in Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen, Smartphones, Festplatten und militärische Lenksysteme. Trotz ihres Namens sind sie nicht selten, aber schwer zu fördern und zu verarbeiten.
Warum bohrt Japan nach seltenen Erden in der Tiefsee?
Japan will seine Abhängigkeit von China reduzieren, das den Weltmarkt dominiert. Die Vorkommen vor der Insel Minamitorishima enthalten besonders hochwertige schwere seltene Erden und könnten den globalen Bedarf für Jahrhunderte decken. Zudem ist der Tiefseeschlamm weniger radioaktiv als Lagerstätten an Land.
Wie tief kann das Forschungsschiff Chikyu bohren?
Die Chikyu hält mit 7.906 Metern den Weltrekord für die tiefste wissenschaftliche Bohrung. Bei der aktuellen Mission vor Minamitorishima fördert sie Sediment aus etwa 6.000 Metern Tiefe – eine technische Pionierleistung.
Wann könnte Japan mit dem kommerziellen Abbau beginnen?
Nach dem aktuellen Testlauf (Januar–Februar 2026) plant Japan für Februar 2027 einen Großtest mit 350 Tonnen pro Tag. Ab 2028 sollen private Unternehmen einsteigen können, der kommerzielle Abbau ist ab 2030 anvisiert.
Welche Umweltrisiken hat der Tiefseebergbau?
Der Abbau wirbelt Sediment auf und zerstört Lebensräume in der weitgehend unerforschten Tiefsee. Kritiker warnen vor irreversiblen Schäden an Ökosystemen. Japan setzt Unterwasserroboter zur Überwachung ein, doch umfassende internationale Regelwerke fehlen bisher.
Unterstützen die USA Japans Tiefsee-Projekt?
Ja, Washington und Tokio haben bilaterale Abkommen über kritische Mineralien geschlossen. Die USA brauchen schwere seltene Erden für ihre Rüstungsindustrie – von F-35-Kampfjets bis zu Atom-U-Booten – und wollen gemeinsam mit Japan Chinas Rohstoffmonopol brechen.
Fazit: Japan seltene Erden Tiefsee – Ein Wettlauf um strategische Autonomie
Die Mission der Chikyu markiert einen Wendepunkt in der globalen Rohstoffpolitik. Japan wagt als erstes Land den Schritt in 6.000 Meter Tiefe, um seltene Erden aus der Tiefsee zu fördern. Der Erfolg ist nicht garantiert – weder technisch noch wirtschaftlich. Doch für Tokio geht es um mehr als Profite: Es geht um strategische Unabhängigkeit von China.
Die Vorkommen vor Minamitorishima könnten nicht nur Japan, sondern die gesamte westliche Welt für Jahrhunderte mit kritischen Rohstoffen versorgen. Bis zum 14. Februar 2026 wird sich zeigen, ob der Traum vom Tiefsee-Schatz Realität werden kann.

