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Spanien Zugunglücke Infrastrukturkrise: Innerhalb einer Woche erschütterten vier Zugunfälle das Land – 46 Tote, fast 200 Verletzte. Die Lokführergewerkschaft ruft zum Streik, Passagiere fürchten die Schiene. Im Zentrum steht die Frage: Hat Spanien sein Hochgeschwindigkeitsnetz kaputtgespart?
📋 Das Wichtigste in Kürze
- 18. Januar – Adamuz: Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge, 45 Tote, 150+ Verletzte
- 21. Januar – Gelida: Stützmauer trifft Nahverkehrszug, 1 Toter Lokführer, 37 Verletzte
- 21. Januar – Blanes: Zug entgleist nach Erdrutsch
- 22. Januar – Alumbres: S-Bahn kollidiert mit Kran, 6 Leichtverletzte
- Gewerkschaft SEMAF ruft zu dreitägigem Streik (9.-11. Februar) auf
- Passagierzahlen: Verdoppelt seit 2019 – Wartung hielt nicht Schritt
- Schienenbrüche: Stiegen von 440 (2015) auf 716 (2024)
Es war eine Woche, die Spanien an seinen Stolz auf das modernste Hochgeschwindigkeitsnetz Europas zweifeln lässt. Vier Zugunfälle in sechs Tagen, 46 Tote, ein deutsches Opfer – und plötzlich stellt ein ganzes Land die Frage: Ist Bahnfahren in Spanien noch sicher?
Die Katastrophe von Adamuz: Was am 18. Januar geschah
Am Sonntagabend, 18. Januar 2026, entgleisten gegen 19:45 Uhr zwei Hochgeschwindigkeitszüge auf der Schnellfahrstrecke Madrid–Sevilla nahe dem andalusischen Dorf Adamuz in der Provinz Córdoba. Ein Iryo-Zug des italienischen Privatunternehmens war auf dem Weg von Málaga nach Madrid, als seine hinteren Waggons auf gerader Strecke aus den Schienen sprangen und ins Gegengleis gerieten.
Dort kollidierte der Zug frontal mit einem Alvia-Zug der spanischen Staatsbahn Renfe, der von Madrid nach Huelva unterwegs war.
„Alles ist vollkommen zerstört. Die Waggons sind verbogen, und die Menschen stecken fest.“
— Francisco Carmona, Feuerwehrchef der Provinz Córdoba
Die Bilanz ist erschütternd: 45 Tote, darunter beide Lokführer und eine deutsche Frau. Mehr als 150 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Es ist das viertschwerste Zugunglück in der Geschichte Spaniens – und das schlimmste seit der Katastrophe von Santiago de Compostela 2013.
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Schienenbruch als Hauptursache identifiziert
Die Ermittler konzentrieren sich auf einen Schienenbruch an einer Schweißnaht im Bereich einer Weiche. Techniker fanden eine gebrochene Verbindungsstelle an den Gleisen. Das Sicherheitssystem konnte wegen der kurzen Zeitspanne zwischen Entgleisung und Kollision nicht mehr reagieren.
Verkehrsminister Óscar Puente bezeichnete den Unfall als „seltsam und schwer zu erklären“. Die Strecke sei im Mai 2025 renoviert worden, 700 Millionen Euro seien investiert worden, sie befinde sich „in einwandfreiem Zustand“.
Doch genau diese Aussage wird zum Politikum. Denn: Adif, der staatliche Infrastrukturbetreiber, hatte im vergangenen Jahr acht Berichte über Probleme in der Region Adamuz veröffentlicht – zu Signaltechnik, Schlaglöchern auf den Gleisen und Unebenheiten in den Oberleitungen. Diese Berichte wurden mindestens bis Oktober 2025 fortgesetzt.
Passagiere warnten – Behörden ignorierten
In sozialen Netzwerken kursieren seit Monaten Videos von Zugreisenden, auf denen starke Vibrationen in den Waggons zu sehen sind. Mehrere Nutzer hatten bereits Wochen zuvor vor Sicherheitsrisiken gewarnt und ihre Aufnahmen direkt an Verkehrsminister Puente weitergeleitet.
„Eines Tages wird es eine Tragödie geben – sagt dann nicht, ihr wärt nicht gewarnt worden.“
— Nutzer @elquehavistoelsals auf X, 17. November 2025
Die Warnungen blieben ungehört.
Nur drei Tage später: Tödlicher Unfall in Gelida
Am Dienstagabend, 21. Januar, wurde Spanien erneut von einem tödlichen Bahnunfall erschüttert. Bei einem schweren Unwetter stürzte eine Stützmauer während eines heftigen Sturms auf die Gleise nahe dem Ort Gelida, etwa 30 Kilometer westlich von Barcelona.
Ein Nahverkehrszug der Linie R4 im Rodalies-Netz prallte gegen die Mauer. Der 28-jährige Lokführer, der sich noch in der Ausbildung befand, kam ums Leben. 37 Passagiere wurden verletzt, fünf davon schwer.
Am selben Tag entgleiste ein weiterer Rodalies-Zug der Linie R2 nahe dem Ort Blanes wegen eines Erdrutsches. Der Zug verlor eine Achse. Über Verletzte wurde nichts mitgeteilt.
Drittes Unglück in Murcia: „Schon wieder?“
Nur einen Tag später, am 22. Januar, löste die Nachricht über einen weiteren Bahnunfall zunächst große Sorge aus. Eine Schmalspurbahn fuhr in Alumbres in der Region Murcia gegen einen Kran, der „nicht zum Bahnbetrieb gehörte“.
Sechs Passagiere wurden leicht verletzt. Der Waggon blieb weitgehend unbeschädigt. Doch in den Cafés und Medien herrschte eine Stimmung der Resignation: „Schon wieder?“
Die Chronik einer Woche des Schreckens
| Datum | Ort | Unfall | Opfer |
|---|---|---|---|
| 18.01.2026 | Adamuz (Córdoba) | Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge | 45 Tote, 150+ Verletzte |
| 21.01.2026 | Gelida (Barcelona) | Stützmauer stürzt auf Zug | 1 Toter, 37 Verletzte |
| 21.01.2026 | Blanes (Katalonien) | Entgleisung nach Erdrutsch | Keine Verletzte gemeldet |
| 22.01.2026 | Alumbres (Murcia) | S-Bahn kollidiert mit Kran | 6 Leichtverletzte |
Das systemische Problem: Liberalisierung ohne Wartung
Die Katastrophenwoche legt ein strukturelles Problem offen, das seit Jahren schwelt. Spanien hat Europas größtes Hochgeschwindigkeitsnetz – über 4.000 Kilometer – und einen Rekordboom bei den Passagierzahlen. Fast 40 Millionen Fahrgäste nutzten 2024 einen Hochgeschwindigkeitszug, fast doppelt so viele wie 2019. Insgesamt verzeichnete das spanische Bahnsystem 549 Millionen Nutzer.
Doch mit dem Ausbau hielt die Wartung nicht Schritt. Die Daten sprechen eine deutliche Sprache:
| Kennzahl | 2015 | 2024 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schienenbrüche/Verschleiß | 440 | 716 | +63% |
| Unfälle (inkl. Entgleisungen) | 42 | 57 | +36% |
Das Privatisierungsmodell in der Kritik
2005 wurde Renfe, die spanische Staatsbahn, aufgespalten. Die Infrastruktur ging an die staatliche Adif, der Zugbetrieb blieb bei Renfe. Seit 2013 dürfen auch private Anbieter auf dem spanischen Netz fahren: das italienische Unternehmen Iryo und das französische Ouigo.
Das Problem: Die privaten Betreiber zahlen Trassengebühren und fahren auf den lukrativen Hochgeschwindigkeitsstrecken – aber die Wartung liegt bei Adif. Die Einnahmen fließen an die Aktionäre der Privatunternehmen, die Instandhaltungskosten bleiben beim Staat.
„Es ist ein Teufelskreis. Gibt es Mängel an der Strecke, werden sie auf den Zug übertragen, und Mängel am Zug wirken sich ebenfalls auf die Strecke aus.“
— Diego Martín, Generalsekretär der Lokführergewerkschaft SEMAF
Bereits im August 2025 schrieb die Gewerkschaft SEMAF einen Brief an Adif, in dem sie vor erheblichem Verschleiß auf mehreren Strecken warnte – darunter auch auf dem Abschnitt, auf dem die beiden Züge am Sonntag kollidierten.
Lokführer rufen zum Streik
Die Gewerkschaft SEMAF hat für den 9., 10. und 11. Februar einen dreitägigen Generalstreik im gesamten Eisenbahnsektor ausgerufen. Die Lokführer beklagen eine „ständige Verschlechterung der Situation bei der Bahn“ und fordern dringende Maßnahmen.
Ihre Forderungen:
- Strafrechtliche Verantwortung für die für die Sicherheit Zuständigen
- Keine Wiederaufnahme des Betriebs ohne ausreichende Sicherheitsgarantien
- Einheitliche Sicherheitsprotokolle für das gesamte Netz
- Ausdrückliche Garantien über den Zustand der Strecken vor jedem Dienst
Verkehrsminister Puente erklärte, ein Streik sei „nicht der beste Weg“, aber er sei bereit, den Lokführern „zuzuhören“.
Chaos in Katalonien: Lokführer verweigern den Dienst
In Katalonien eskalierte die Situation bereits. Nach dem Unglück von Gelida wurde der Bahnbetrieb am Mittwoch vorläufig ausgesetzt. Am Donnerstag sollte er um sechs Uhr morgens wiederaufgenommen werden – doch die Lokführer forderten zunächst Sicherheitsgarantien.
Obwohl Ersatzbusse zur Verfügung gestellt wurden, herrschte Chaos: lange Staus auf den Straßen, lange Schlangen in den Bahnhöfen. Am Nachmittag gaben beide Seiten bekannt, man komme einer Einigung nahe.
Ein deutsches Opfer unter den Toten
Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte, dass sich unter den Todesopfern von Adamuz eine deutsche Staatsangehörige befindet. Es handele sich um eine Frau, so die spanische Polizei. Die Angehörigen werden vom deutschen Konsulat in Málaga betreut.
Unter den 45 identifizierten Opfern sind außerdem eine russische und eine marokkanische Staatsangehörige.
Die Angst vor der Schiene
Bei den Spaniern dominiert eine neue Angst vor dem Zugfahren. Nach der Katastrophe stecken Dutzende Fahrgäste am Hauptbahnhof Madrid-Atocha fest. Die drei großen Bahnbetreiber – Renfe, Iryo und Ouigo – sind nicht in der Lage, eine Lösung zu finden. Flüge und Busse nach Andalusien waren bereits vor dem Unglück weitgehend ausgebucht.
„Wie bei einem Ferrari benötigt Spaniens erstklassiges Bahnsystem regelmäßige Wartung. Das Teure an einem Ferrari ist nicht nur der Kauf, sondern die Instandhaltung.“
— Salvador García-Ayllón, Verkehrsexperte
Drei Staatsanwälte ermitteln
Die Staatsanwaltschaft Córdoba hat drei Staatsanwälte mit der Untersuchung des Unglücks von Adamuz beauftragt. Sie sollen klären, ob strafrechtliche Verantwortlichkeiten vorliegen.
Premierminister Pedro Sánchez reiste nach Adamuz und erklärte: „Wir alle fragen uns, wie das passieren konnte. Wir werden die Wahrheit herausfinden.“
❓ Häufig gestellte Fragen
Was war die Ursache des Zugunglücks von Adamuz?
Ermittler konzentrieren sich auf einen Schienenbruch an einer Schweißnaht im Bereich einer Weiche. Die Untersuchungen laufen noch. Menschliches Versagen und überhöhte Geschwindigkeit wurden ausgeschlossen, da beide Züge unterhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit fuhren.
Wie viele Menschen starben bei den Zugunglücken in Spanien?
Bei den Unglücken vom 18. bis 22. Januar 2026 kamen insgesamt 46 Menschen ums Leben: 45 bei der Kollision in Adamuz und ein 28-jähriger Lokführer-Auszubildender bei dem Unfall in Gelida. Fast 200 Menschen wurden verletzt.
Gibt es deutsche Opfer unter den Toten?
Ja, das Auswärtige Amt bestätigte eine deutsche Staatsangehörige unter den Todesopfern von Adamuz. Die Angehörigen werden vom deutschen Konsulat in Málaga betreut.
Wann findet der Bahnstreik in Spanien statt?
Die Lokführergewerkschaft SEMAF hat für den 9., 10. und 11. Februar 2026 einen dreitägigen Generalstreik im gesamten Eisenbahnsektor angekündigt. Reisende sollten mit erheblichen Einschränkungen rechnen.
Wurde vor den Unfällen gewarnt?
Ja. Die Gewerkschaft SEMAF hatte bereits im August 2025 in einem Brief an Adif vor Verschleiß auf mehreren Strecken gewarnt, darunter auch auf dem Unglücksabschnitt. Passagiere hatten außerdem Videos von wackelnden Zügen an Verkehrsminister Puente geschickt.
Ist Bahnfahren in Spanien noch sicher?
Die spanische Regierung erklärt, dass Infrastrukturprobleme und Unfälle anteilig unter dem EU-Durchschnitt liegen. Dennoch zeigen die Daten einen deutlichen Anstieg von Schienenbrüchen und Unfällen. Die Gewerkschaften fordern umfassende Sicherheitsüberprüfungen.
Was ist die Rolle von Adif und Renfe?
Adif (Administrador de Infraestructuras Ferroviarias) ist der staatliche Infrastrukturbetreiber, der für Gleise, Bahnhöfe und Wartung zuständig ist. Renfe ist das staatliche Eisenbahnverkehrsunternehmen, das Züge betreibt. Seit 2005 sind beide getrennt. Private Anbieter wie Iryo und Ouigo fahren auf dem Adif-Netz.
Fazit: Eine Infrastrukturkrise mit Ansage
Die Woche der Zugunglücke hat Spanien in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt. Das Paradoxon ist offensichtlich: Ein Land, das Milliarden in den Ausbau seines Hochgeschwindigkeitsnetzes investiert hat, scheint bei der Wartung gespart zu haben. Die Warnungen waren da – von Gewerkschaften, von Passagieren, von den eigenen Berichten der Infrastrukturbetreiber.
Ob der angekündigte Streik, die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen oder die öffentliche Empörung zu einem Umdenken führen werden, bleibt abzuwarten. Eines ist sicher: Die Spanier werden so schnell nicht vergessen, wie ihre Bahn in einer einzigen Woche vom Stolz der Nation zum Symbol des Versagens wurde.
