Tilda Swinton: "Mit 33 Jahren war ich innerhalb eines Jahres auf 43 Beerdigungen"

1994 war ein Jahr, das Tilda Swinton für immer prägen sollte. Jeder Abschied riss ein Stück von der Welt heraus, in der sie sich sicher fühlte. Die Trauer um Freund:innen, Kolleg:innen und Vertraute führte die Künstlerin in die wohl dunkelste Sinnkrise ihres Lebens.

Hollywoodstar Tilda Swinton, 65, spricht von einem Jahr, das ihr Leben für immer veränderte. „Als Derek starb, tat sich ein gewaltiger Abgrund auf“, erinnert sie sich an ihren besten Freund, den Regisseur Derek Jarman, †52. Es ist ein Abgrund, der nicht nur den Verlust ihres eigenen Freundes markierte, sondern das Trauma einer ganzen Generation widerspiegelte. „Es war eine Zeit, in der so viele Menschen starben; es fühlte sich wirklich an, als ginge alles zu Ende“, sagt Swinton heute.

Tilda Swinton über ein Jahr, das alles veränderte

Mit ihrem im September 2025 erschienenen Band „Ongoing“, herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Belser Verlag anlässlich ihrer großen Ausstellung im Amsterdamer Eye Filmmuseum, gewährt Tilda Swinton einen bewegenden Einblick in ihre künstlerische Welt. Die Oscarpreisträgerin erzählt darin von der unermesslichen Trauer, die das Jahr 1994 für sie bereithielt. 

Ein zentrales Thema zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Erinnerungen und Fotografien: der Verlust ihres besten Freundes, Regisseur Derek Jarman, der mit 52 Jahren an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung starb. Swinton erinnert an ihre Anfänge an Jarmans Seite: „Mit Derek war ich durch die Pforte der Kunst gekommen und nicht wie es die traditionelle, beherrschende Erzählung will, über Hollywood oder das Theater. Seine Welt war nicht theatral, sondern erinnerte eher an die Underground-Kunstszene.“

Tilda Swinton: nd nicht wie es die traditionelle, beherrschende Erzählung will, über Hollywood oder das Theater.
Derek Jarman (†), während der Filmfestspiele von Venedig im September 1991.
© Leonardo Cendamo

Tilda Swinton und Derek Jarman lernten sich 1985 kennen, nur zwei Jahre nachdem die Schauspielerin ihr Studium der Sozial- und Politikwissenschaften in Cambridge absolviert hatte. Mit seinen Experimentalfilmen begann ihre Filmkarriere. Für ihre Darbietung in seinem Historiendrama „Edward II“ wurde Swinton 1991 bei den Filmfestspielen von Venedig als beste Darstellerin ausgezeichnet.

„Zur selben Zeit zähltest du deine Frühstückspillen ab und spültest sie mit einer Tasse Tee hinunter. Im Laufe der Dreharbeiten wurdest du plötzlich krank und kamst ins Krankenhaus“, erinnert sich Swinton an den kalten Winter 1990, in dem der Film entstanden war. Auch 35 Jahre später holen diese schmerzhaften Erinnerungen sie noch ein. „31 Jahre sind vergangen, seit ich dich von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, 32 seit wir zuletzt gemeinsam eine Pflanze in die Erde gesetzt oder einen Tee auf­ gebrüht haben. […] Jetzt bin ich ein Dutzend Jahre älter als du damals warst, als du von uns gegangen bist“, schreibt die 65-Jährige in einem offenen Brief an ihren verstorbenen Freund.

Tilda Swinton: Symbolbild zu Tilda Swinton: "Mit 33 Jahren war ich innerhalb eines Jahres auf 43 Beerdigungen"
Tilda Swinton in Derek Jarmans Filmprojekt „Timeslip“, aufgenommen im Jahr 1988.
© James Mackay/Basilisk Communications Limited

Schauspielerin machte traumatische Erfahrungen inmitten der AIDS-Krise

Die Katastrophe des Jahres 1994 war nicht nur Dereks Tod, sondern die kollektive Tragödie einer ganzen Generation. Tilda Swinton beschreibt die tiefe Perspektivlosigkeit: 

Mit 33 Jahren, war ich innerhalb eines Jahres auf 43 Beerdigungen. Jedes Mal war wieder ein Freund von mir an AIDS gestorben.

Die Absurdität der gesellschaftlichen Reaktionen auf die AIDS-Krise beschreibt Swinton mit eindringlichen Worten: „Denjenigen von uns, die sich in den fünf Jahren zwischen 1989 und 1994 im Herzen einer Community befanden, die von dieser Krankheit dezimiert wurde, fehlt schlicht das Vokabular, um zu beschreiben, was wir damals erlebt haben. Ich finde es immer noch erstaunlich, dass man diese Krankheit noch gar nicht kannte, als ich klein war – eine Krankheit, die später Millionen unserer Zeitgenossen dahinraffte. Menschen, deren viel zu früher Tod uns ihrer Gegenwart, ihrer Inspiration, ihrer Klugheit, ihres Könnens, ihrer Kunst, ihrer Weisheit, ihres Humors und ihrer Liebe beraubt hat.“

Existenzängste nach dem Verlust von Derek Jarman

Durch den Verlust von Derek Jarman stürzte die spätere „Narnia“-Darstellerin in eine existenzielle Krise: „Derek war damals mein engster Freund. Ich habe nicht bloß meinen besten Freund verloren, sondern auch meinen Job, weil ich ja immer an seiner Seite gewesen war. […] Dann dachte ich, was bin ich denn jetzt? Bin ich eine professionelle Schauspielerin? Und das war ich eindeutig nicht und ich hatte auch kein Interesse daran, eine professionelle Schauspielerin zu sein.“ Es dauerte Jahre bis sie wieder einen Film in ihrer Heimat Großbritannien drehte.

Tilda Swinton: eindeutig nicht und ich hatte auch kein Interesse daran, eine professionelle Schauspielerin zu sein.
„Ongoing“ gewährt bewegende Einblicke hinter die Kulissen: Tilda Swinton im Kurzfilm „Camaraderie“ aus dem Jahr 2025.
© Luca Guadagnino

Die Verarbeitung des kollektiven Verlustes und der eigenen Orientierungslosigkeit fand Ausdruck in Swintons künstlerischen Schaffen, etwa in der Kunstinstallation „The Maybe“, in der die Schauspielerin acht Stunden am Tag in einem Glassarg schlief oder lag und die Besucher:innen bloß dabei zusehen ließ, wie sie atmete. Ein Spiegel der traumatischen Erfahrung, die sie und die LGBTQ+-Community durchlebt hatten: 

Nachdem ich an der Seite so vieler geliebter, zerbrechlicher, todkranker Körper gesessen hatte, sehnte ich mich nach der Nähe von jemandem, der oder die gesund war, regelmäßig atmete und höchstwahrscheinlich wieder aufwachen würde.

Der Band „Tilda Swinton: Ongoing“ und die gleichnamige Ausstellung machen die Tragik des Jahres 1994 und die vielen schmerzhaften Erinnerungen eindringlich spürbar. Doch bei aller Trauer überwiegen die Spuren, die Menschen wie Derek Jarman in Swintons Leben hinterlassen haben. „Du warst mein erster Tanzpartner in Sachen Optimismus“, erinnert sie sich. Eine seiner Lehren begleite sie bis heute: Orte, die man liebt, bewusst unverrichteter Dinge zu verlassen, um einen Grund zu haben, zurückzukehren. „Seit ich dich das letzte Mal gesehen habe, habe ich überall, wohin mich meine flinken Füße getragen haben, eifrig Unerledigtes zurückgelassen“, schreibt Tilda Swinton demütig.

Verwendete Quelle: „Tilda Swinton: Ongoing“

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