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📋 Das Wichtigste in Kürze
- Dienst nach Vorschrift: 78% der Beschäftigten (2023: 67%)
- Emotionale Bindung: Nur 9% hochgradig gebunden – Rekordtief
- Arbeitszeit: 1.036 Stunden/Jahr – drittletzter OECD-Platz
- Wochenarbeitszeit: 34,8 Stunden (EU-Schnitt: 37,1)
- Krankenstand: Ca. 20 Fehltage pro Jahr – historisch hoch
- Wirtschaftsschaden: 113-135 Mrd. EUR durch innere Kündigung
- Generation Z: 81% geben bei der Arbeit ihr Bestes
Die Arbeitsmoral in Deutschland ist ein Dauerbrenner in der politischen und wirtschaftlichen Debatte. Kanzler Friedrich Merz hat den hohen Krankenstand kritisiert, Arbeitgeber fordern längere Arbeitszeiten, und Studien zeichnen ein düsteres Bild der Motivation. Doch wie steht es wirklich um die Leistungsbereitschaft der Deutschen?
Wie ist die Arbeitsmoral in Deutschland aktuell?
Der Gallup Engagement Index 2024 liefert alarmierende Zahlen zur Arbeitsmoral in Deutschland. Der sprichwörtliche „Dienst nach Vorschrift“ hat einen neuen Höchststand erreicht.
| Kennzahl | 2024 | 2023 |
|---|---|---|
| Dienst nach Vorschrift | 78% | 67% |
| Emotional hochgradig gebunden | 9% (Rekordtief) | 14% |
| Will >1 Jahr beim Arbeitgeber bleiben | 50% | höher |
| Will >3 Jahre beim Arbeitgeber bleiben | ca. 33% | höher |
Fast zwei Millionen weniger Arbeitnehmer als im Vorjahr waren laut der Studie „mit Hand, Herz und Verstand bei der Sache“. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Produktivitätseinbußen schätzt Gallup auf 113 bis 135 Milliarden Euro jährlich.

„Die vorherrschende schwach ausgeprägte emotionale Bindung trägt zur Wechselwilligkeit bei, während sich die Einschätzung des Arbeitsmarktes zunehmend von der wirtschaftlichen Lage entkoppelt.“
— Marco Nink, Gallup-Studienautor
Was sagen andere Studien zur Arbeitsmoral?
Die EY-Jobstudie 2025 zeichnet ein etwas positiveres Bild der Arbeitsmoral in Deutschland:
- 72 Prozent der Beschäftigten bezeichnen sich als motiviert
- 28 Prozent machen höchstens „Dienst nach Vorschrift“
- 18 Prozent sind „hochmotiviert“
- 30 Prozent finden keine Anerkennung für ihre Arbeit
- 93 Prozent sagen, sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg
Die Liz Mohn Stiftung und Ipsos haben ebenfalls die Leistungsbereitschaft untersucht. Ihr Fazit: Die Bewertung der eigenen Arbeitsmoral unterscheidet sich stark nach demografischen Gruppen und Branchen.

Wie steht es um die Arbeitsmoral der Generation Z?
Entgegen vieler Vorurteile zeigt die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2025″ ein überraschendes Ergebnis: Die Arbeitsmoral der Generation Z ist hoch.
| Aussage | Zustimmung Gen Z |
|---|---|
| „Ich gebe bei der Arbeit mein Bestes“ | 81% |
| „Ich bin Leistungsverweigerer“ | 4% |
Die Voraussetzung für gute Arbeitsmoral bei jungen Menschen sind laut der Studie eine gute Arbeitsatmosphäre und das Gefühl von Sicherheit. Fehlende Orientierung, überfrachtete Lehrpläne und mangelnder Praxisbezug führen hingegen zu Frustration.
Wie viel arbeiten die Deutschen im internationalen Vergleich?
Die Arbeitsmoral in Deutschland wird oft an der geleisteten Arbeitszeit gemessen. Hier zeigen OECD-Daten ein deutliches Bild:
| Land | Arbeitsstunden/Jahr* |
|---|---|
| Neuseeland | 1.393 |
| Tschechien | 1.324 |
| USA | 1.291 |
| OECD-Durchschnitt | 1.216 |
| Deutschland | 1.036 |
| Frankreich | 1.027 |
| Belgien | 1.021 |
*Je Einwohner im Erwerbsalter (15-64 Jahre), 2023
Deutschland landet auf dem drittletzten Platz aller OECD-Länder. Nur Frankreich und Belgien arbeiten noch weniger.

📊 Arbeitszeit Deutschland – Die Zahlen
- Wochenarbeitszeit: 34,8 Stunden (EU-Schnitt: 37,1)
- Vollzeit: 40,4 Stunden/Woche
- Teilzeit: 19,9 Stunden/Woche
- Teilzeitquote: 29% (EU-Platz 3)
- Erwerbsquote: 77% (OECD-Schnitt: 69%)
- Wunscharbeitszeit: 32,8 Stunden (Rekordtief)
Sind die Deutschen wirklich arbeitsscheu?
Die niedrige Arbeitsstundenzahl bedeutet nicht automatisch mangelnde Arbeitsmoral. Experten nennen mehrere Gründe:
1. Hohe Erwerbsbeteiligung: Mit 77 Prozent liegt die Erwerbsquote in Deutschland deutlich über dem OECD-Schnitt von 69 Prozent. Mehr Menschen arbeiten – aber im Schnitt kürzer.
2. Hohe Teilzeitquote: 29 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in Teilzeit (EU-Platz 3). Besonders Frauen sind häufiger in Teilzeit beschäftigt.
3. Mehr Urlaubstage: Deutschland hat im internationalen Vergleich mehr gesetzliche Urlaubstage und Feiertage.
4. Hohe Produktivität: Die Produktivität pro Arbeitsstunde ist in Deutschland sehr hoch. Weniger Arbeitszeit bedeutet nicht weniger Output.
„Eine geringere durchschnittliche Arbeitszeit sagt nichts über Fleiß oder Faulheit aus.“
— Unstatistik des Monats, RWI Leibniz-Institut
Wie hoch ist der Krankenstand in Deutschland?
Der Krankenstand ist ein weiterer Faktor in der Debatte um die Arbeitsmoral in Deutschland. Die Zahlen sind auf historischem Höchststand:
| Kennzahl | Wert 2024/2025 |
|---|---|
| Krankenstand (AOK) | 6,5-6,7% |
| Durchschnittliche Fehltage | Ca. 20-24 Tage/Jahr |
| AU-Fälle je 100 Versicherte | 228 (Höchstwert) |
| Wirtschaftliche Kosten (4 Jahre) | Bis zu 160 Mrd. EUR |
Hauptursachen für Krankmeldungen:
- Atemwegserkrankungen (36% aller AU-Fälle)
- Psychische Erkrankungen (17%)
- Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen (17-20%)
Warum ist der Krankenstand so hoch?
Der AOK-Fehlzeiten-Report 2025 nennt mehrere Gründe für den hohen Krankenstand:
1. Infektionswellen: Erkältungen, Grippe und COVID-19 sorgen seit 2022 für hohe Fehlzeiten. Die Bevölkerungsimmunität ist nach der Pandemie gesunken.
2. Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU): Seit 2022 gehen Krankschreibungen direkt von Arztpraxen an die Krankenkassen. Früher wurden viele AU-Bescheinigungen nicht eingereicht – jetzt werden sie vollständig erfasst.
3. Psychische Belastungen: Stress, Arbeitsverdichtung und Personalmangel führen zu mehr psychischen Erkrankungen.
4. Arbeitsbedingungen: Gewerkschaften verweisen auf Arbeitsverdichtung und Personalmangel als Ursachen.
Was sagt die Politik zur Arbeitsmoral?
Kanzler Friedrich Merz hat den hohen Krankenstand kritisiert und eine Debatte ausgelöst:
„Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
— Bundeskanzler Friedrich Merz
Diskutierte Maßnahmen:
- Überprüfung der telefonischen Krankschreibung
- Einführung eines Karenztages (erster Krankheitstag ohne Lohnfortzahlung)
- Begrenzung der Lohnfortzahlung auf 6 Wochen pro Jahr insgesamt
- Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen
Gegenargumente:
- Gewerkschaften warnen vor Generalverdacht gegen Arbeitnehmer
- AOK: Karenztag ändert „nichts nachhaltig am hohen Krankenstand“
- 73% der Beschäftigten halten telefonische Krankschreibung für sinnvoll
- Kein systematischer Missbrauch nachweisbar
Was bedeutet „innere Kündigung“?
Die „innere Kündigung“ beschreibt einen Zustand, in dem Beschäftigte sich emotional von ihrem Arbeitgeber distanzieren, ohne formal zu kündigen. Anzeichen für sinkende Arbeitsmoral sind:
- Geringe Eigeninitiative
- Aufgaben werden nur nach Vorschrift erledigt
- Sinkende Leistungsbereitschaft
- Desinteresse an Weiterentwicklung
- Fehlende Identifikation mit dem Unternehmen
Was können Arbeitgeber für bessere Arbeitsmoral tun?
Der Fehlzeiten-Report 2025 zeigt: Die Führungskultur hat großen Einfluss auf die Arbeitsmoral. Maßnahmen für mehr Engagement:
- Wertschätzung: Anerkennung für geleistete Arbeit
- Gute Führung: Gesundheitsorientiertes Verhalten der Vorgesetzten
- Betriebliche Gesundheitsförderung: Höhere Zufriedenheit und stärkere Bindung
- Work-Life-Balance: Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Möglichkeiten
- Sinnstiftung: Mitarbeiter in Entscheidungen einbeziehen
❓ Häufig gestellte Fragen (FAQ)
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Fazit: Arbeitsmoral in Deutschland – ein komplexes Bild
Die Arbeitsmoral in Deutschland zeigt 2026 ein gemischtes Bild. Einerseits sind die Zahlen zur emotionalen Bindung und zum „Dienst nach Vorschrift“ besorgniserregend. Fast 80 Prozent der Beschäftigten tun nur noch das Nötigste.
Andererseits arbeiten Deutsche produktiv und die Generation Z zeigt hohe Leistungsbereitschaft. Die niedrige Arbeitszeit erklärt sich durch hohe Teilzeitquoten und eine hohe Erwerbsbeteiligung – nicht durch Faulheit.
Der hohe Krankenstand hat vielfältige Ursachen: Infektionswellen, bessere Erfassung durch die eAU und psychische Belastungen. Einfache Lösungen wie ein Karenztag dürften wenig ändern. Entscheidend sind gute Arbeitsbedingungen, wertschätzende Führung und betriebliche Gesundheitsförderung.

