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Polizei Taser Forderung: 2025 erschossen deutsche Polizisten 17 Menschen im Einsatz – weniger als im Vorjahr, aber weiterhin über dem Durchschnitt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert eine flächendeckende Ausstattung mit Tasern, um tödliche Schüsse zu vermeiden. Besonders Baden-Württemberg steht in der Kritik: Sieben Tote – und keine Taser für Streifenpolizisten.
📋 Das Wichtigste in Kürze
- 2025: 17 Menschen durch Polizeischüsse getötet (2024: 25)
- Baden-Württemberg: 7 Tote – bundesweit höchste Zahl
- GdP-Forderung: Flächendeckende Taser-Ausstattung für alle Streifenpolizisten
- Bundespolizei: Taser-Einsatz seit 2025 gesetzlich erlaubt
- Bayern: Polizei bereits flächendeckend mit Tasern ausgestattet
- Baden-Württemberg: Startet jetzt Testphase mit 40 Geräten
- Kritik: Amnesty International warnt – Taser können tödlich sein
Die Zahlen klingen nach Entspannung: 2025 erschossen Polizeibeamte in Deutschland 17 Menschen im Dienst – deutlich weniger als die 25 Todesfälle im Jahr zuvor. Doch Entwarnung ist nicht angebracht. Wie aus einer Auflistung der Fachzeitschrift „Bürgerrechte & Polizei/Cilip“ hervorgeht, liegt die Zahl weiterhin über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht einen Ausweg: mehr Taser. Doch die Debatte ist kontrovers.
Baden-Württemberg: Trauriger Spitzenreiter
Besonders auffällig: Im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg erschossen Polizisten 2025 insgesamt sieben Menschen – mehr als in jedem anderen Bundesland. Darunter war ein 44-jähriger Mann in Leonberg, der laut Polizei aus einer Wohnung heraus geschossen hatte.
Für GdP-Bundesvorsitzenden Jochen Kopelke ist der Zusammenhang klar: In Baden-Württemberg gehört der Taser bislang nur bei Spezialeinheiten zur Standardausrüstung. Streifenpolizisten mussten ohne das Gerät auskommen.
„Dort, wo keine oder nur eingeschränkt nicht-tödliche Einsatzmittel eingesetzt werden können, ist die Schusswaffe einzig verhältnismäßiges Mittel.“
— Jochen Kopelke, GdP-Bundesvorsitzender
Seine These: „Wo mehr und schneller Taser durch die Polizei verfügbar sind, reduziert es den Einsatz der Dienstwaffe.“
Was ist ein Taser und wie funktioniert er?
Ein Taser – offiziell Distanz-Elektroimpulsgerät (DEIG) – ist eine Elektroschockpistole, die aus einer Distanz von bis zu 13 Metern zwei mit Draht verbundene Pfeile abfeuert. Diese dringen mehrere Millimeter tief in die Haut ein und geben einen Stromimpuls ab, der die Muskeln lähmt und den Getroffenen für mehrere Sekunden handlungsunfähig macht.
| Einsatzmittel | Reichweite | Wirkung |
|---|---|---|
| Pfefferspray | 4-6 Meter | Reizung der Augen und Atemwege |
| Schlagstock | Armlänge | Körperliche Gewalt |
| Taser | 10-13 Meter | Muskellähmung durch Stromimpuls |
| Schusswaffe | 50+ Meter | Potenziell tödlich |
Der Taser schließt nach Ansicht der Polizeigewerkschaften die „taktische Lücke“ zwischen Pfefferspray und Schusswaffe. Laut dem Hersteller Axon können bis zu 91 Prozent kritischer Einsatzlagen bereits durch die bloße Androhung des Geräts deeskaliert werden.
Wo Taser bereits Standard sind – und wo nicht
Die Verbreitung von Tasern in Deutschland ist ein Flickenteppich:
| Status | Bundesländer / Behörden |
|---|---|
| ✅ Flächendeckend im Streifendienst | Bayern, Berlin, und 8 weitere Länder |
| ✅ Gesetzlich zugelassen (bundesweit) | Bundespolizei |
| ⚠️ Nur Spezialeinheiten + Testphase | Baden-Württemberg (40 Geräte für Streifenpolizisten) |
| ✅ Alle SEK nutzen Taser | Alle 16 Bundesländer + Bund |
Bundespolizei: Taser jetzt offiziell erlaubt
Mit dem „Gesetz zur Änderung des Gesetzes über die Ausübung unmittelbaren Zwangs durch Vollzugsbeamte des Bundes“ wurde 2025 die rechtliche Grundlage für den flächendeckenden Taser-Einsatz bei der Bundespolizei geschaffen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) begründete den Schritt: „Unsere Einsatzkräfte müssen in gefährlichen Situationen schnell und sicher handeln können. Distanz-Elektroimpulsgeräte geben der Polizei ein zusätzliches, verlässliches Mittel an die Hand, wirkungsvoll, kontrollierbar und unterhalb der Schwelle zum Schusswaffeneinsatz handeln zu können.“
Der Polizeibeauftragte des Bundes, Uli Grötsch (SPD), hat nach anfänglicher Skepsis seine Meinung geändert:
„Auch wenn ich selbst früher skeptisch war, stehe ich heute dem Taser positiv gegenüber. Bei meinen Gesprächen mit Bundespolizisten – vor allem an Bahnhöfen – höre ich, dass sich das Gerät als Einsatzmittel in der Praxis bewährt hat.“
— Uli Grötsch, Polizeibeauftragter des Bundes
Die Gegenargumente: Warum Kritiker warnen
Nicht alle teilen die Begeisterung der Polizeigewerkschaften. Kritiker warnen vor einer Verharmlosung der Elektroschockpistolen.
Amnesty International forderte bei einer Anhörung im Bundestag, der Taser-Einsatz dürfe „ausschließlich zur Vermeidung des Schusswaffeneinsatzes zulässig sein“. Die Organisation warnt: Eine Verharmlosung der Geräte berge das Risiko eines „stetig zunehmenden Gebrauchs mit im Laufe der Zeit immer größerer Wahrscheinlichkeit tödlicher Ausgänge“.
Professor Thomas Feltes, Strafverteidiger und Gutachter, erklärt: „Unstrittig ist, dass Taser töten können. Ihr Einsatz eskaliere in bestimmten Fällen die Situation, statt sie zu entschärfen.“
Ronald Hande, innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Thüringer Landtag, warnte: „Taser sind keine harmlosen Hilfsmittel, sondern potenziell tödliche Waffen.“
Das Innenministerium Baden-Württemberg sieht den Taser ebenfalls nicht als Allheilmittel: In dynamischen Einsatzlagen mit Messern oder Schusswaffen sei der Einsatz oft nicht geeignet. „So könne es etwa sein, dass die Pfeile nicht haften“, erklärte ein Sprecher. „Das wiederum könnte Polizistinnen und Polizisten im Einsatz gefährden.“
Was Experten fordern
Aus den Anhörungen im Bundestag kristallisierten sich mehrere Forderungen heraus:
- Strenge Einsatzregeln: Taser dürfen niemals bei passivem Widerstand oder verbaler Aggression eingesetzt werden
- Bodycam-Pflicht: Bei jedem Taser-Einsatz soll automatisch eine Bodycam aktiviert werden
- Dokumentation: Jeder Einsatz muss umfassend dokumentiert werden
- Regelmäßige Schulungen: Mindestens vierteljährliche Trainings werden empfohlen
- Rechenschaftspflicht: Behörden müssen über alle Einsätze Bericht erstatten
Die GdP ist die Debatte „leid“
GdP-Chef Jochen Kopelke macht keinen Hehl aus seiner Frustration über die anhaltende Diskussion:
„Die GdP ist die ideologische Debatte über den Taser langsam leid.“
— Jochen Kopelke, GdP-Bundesvorsitzender
Er verweist auf die psychischen Folgen für Polizisten, die ihre Dienstwaffe einsetzen müssen: „Viele Kollegen haben mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu tun.“ Der Taser könne nicht nur Menschenleben retten – bei Angreifern wie bei Polizisten – sondern auch seelisches Leid verhindern.
Baden-Württemberg startet Testphase
Nach Jahren des Zögerns bewegt sich nun auch Baden-Württemberg. Das Innenministerium hat angekündigt, dass Streifenpolizisten in einigen Regionen für eine Testphase 40 Taser erhalten sollen. Bisher waren die Geräte im Südwesten nur Spezialeinheiten vorbehalten.
Ob die Testphase zu einer flächendeckenden Einführung führt, bleibt abzuwarten. Die hohe Zahl der tödlichen Polizeischüsse im Jahr 2025 dürfte den Druck erhöhen.
❓ Häufig gestellte Fragen
Wie viele Menschen wurden 2025 von der Polizei erschossen?
2025 erschossen Polizeibeamte in Deutschland 17 Menschen im Einsatz. Das sind weniger als die 25 Todesfälle im Vorjahr, aber immer noch über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Baden-Württemberg hatte mit sieben Toten die höchste Zahl.
Was ist ein Taser und wie funktioniert er?
Ein Taser (Distanz-Elektroimpulsgerät) ist eine Elektroschockpistole. Sie feuert aus bis zu 13 Metern Entfernung zwei mit Draht verbundene Pfeile ab, die in die Haut eindringen und einen Stromimpuls abgeben. Dieser lähmt die Muskeln und macht den Getroffenen für mehrere Sekunden handlungsunfähig.
Warum fordert die Polizeigewerkschaft mehr Taser?
Die GdP sieht einen Zusammenhang zwischen fehlenden Tasern und der Zahl tödlicher Polizeischüsse. Der Taser schließe die Lücke zwischen Pfefferspray und Schusswaffe. In Baden-Württemberg, wo Streifenpolizisten keine Taser haben, gab es 2025 die meisten Toten durch Polizeiwaffen.
Können Taser tödlich sein?
Ja. Amnesty International und Experten warnen, dass Taser potenziell tödlich sein können. Besonders bei Menschen mit Herzproblemen oder unter Drogeneinfluss besteht ein erhöhtes Risiko. Schwere gesundheitliche Folgen sind laut Studien selten, aber möglich.
In welchen Bundesländern hat die Polizei Taser?
In zehn Bundesländern, darunter Bayern und Berlin, ist die Polizei flächendeckend im Streifendienst mit Tasern ausgestattet. Alle Spezialeinsatzkommandos (SEK) in Bund und Ländern nutzen das Gerät. Die Bundespolizei erhielt 2025 die gesetzliche Grundlage für den bundesweiten Einsatz.
Wann darf die Polizei einen Taser einsetzen?
Der Taser-Einsatz ist an strenge Regeln gebunden. Er darf nicht bei passivem Widerstand oder verbaler Aggression eingesetzt werden. Experten fordern, dass er nur dann zulässig sein soll, wenn auch der Schusswaffeneinsatz zulässig wäre – aber durch den Taser vermieden werden kann.
Fazit: Zwischen Lebensschutz und Risiko
Die Debatte um den Taser-Einsatz bei der deutschen Polizei bleibt kontrovers. Befürworter sehen in dem Gerät eine Möglichkeit, Menschenleben zu retten – sowohl von Angreifern als auch von Polizisten. Kritiker warnen vor einer Verharmlosung und fordern strenge Einsatzregeln.
Die Zahlen aus Baden-Württemberg werden die Diskussion weiter befeuern. Ob die dortige Testphase zu einer Trendwende führt, wird sich zeigen. Klar ist: Solange die Zahl der tödlichen Polizeischüsse über dem langjährigen Durchschnitt liegt, wird der Ruf nach Alternativen nicht verstummen.
