Kolumne: Es geht ums Geld: Eine ehrliche Frage an alle Älteren

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Kolumne: Warum reden wir nicht über das größte Tabu zwischen den Generationen? Ein Versuch, das Schweigen zu brechen – ohne Vorwürfe, aber mit einer Bitte um Ehrlichkeit.

Die Frage, die ich gleich stellen werde, ist unangenehm. Sie wird manchen als respektlos erscheinen. Andere werden sie als überfällig empfinden. Vermutlich liegt die Wahrheit, wie so oft, irgendwo dazwischen.

Am 23. Januar 2026 sitze ich an meinem Schreibtisch und denke über Zahlen nach, die mich seit Wochen nicht loslassen. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat sie veröffentlicht: Um zur vermögenderen Hälfte der unter 35-Jährigen zu gehören, reichen 17.300 Euro. Bei den 55- bis 64-Jährigen liegt der Median bei über 200.000 Euro. Wer in dieser Altersgruppe zum reichsten Zehntel gehören will, braucht mehr als eine Million.

Das sind keine Vorwürfe. Das sind Fakten. Und Fakten verdienen eine ehrliche Betrachtung.

Die Frage, die niemand stellt

Also hier kommt sie, die ehrliche Frage an alle Älteren: Was passiert mit eurem Geld?

Nicht nach eurem Tod. Jetzt.

Ich meine das nicht anklagend. Ich meine das neugierig. Denn während wir ständig über Rentenlücken, Altersarmut und Generationengerechtigkeit diskutieren, bleibt eine Realität merkwürdig unausgesprochen: Die Nachkriegsgeneration und die Babyboomer haben in den vergangenen Jahrzehnten Vermögen aufgebaut, wie keine Generation vor ihnen. 1,3 Billionen Euro – so viel werden allein die über 70-Jährigen in den kommenden Jahren vererben.

Und die Jüngeren? Die warten. Auf Erbe. Auf Schenkungen. Auf irgendwann.

Das Märchen von der fleißigen Jugend, die es auch schafft

Ich höre den Einwand schon: „Wir haben uns das alles hart erarbeitet!“ Stimmt. Aber erzählt das mal einem 32-Jährigen, der trotz Vollzeitjob keine Chance auf Wohneigentum hat. Nicht weil er faul ist. Sondern weil ein Haus heute das Zehnfache eines Jahresgehalts kostet – und nicht mehr das Dreifache wie 1980.

Die Regeln haben sich geändert. Die Sprüche sind geblieben.

Studien zeigen: Das Erbe macht bei Millennials bereits 16 Prozent des Lebenseinkommens aus. Bei den Babyboomern waren es neun Prozent. Das bedeutet: Wer erbt, hat gewonnen. Wer nicht erbt, hat Pech. Leistung wird zum Nebenaspekt.

„Die Hälfte aller privaten Vermögen in Deutschland wurde nicht selbst erarbeitet, sondern geerbt oder verschenkt.“

— Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

Wofür spart ihr eigentlich?

Ich frage mich manchmal, ob die ältere Generation überhaupt weiß, wie es den Jüngeren geht. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Ahnungslosigkeit. Weil man im abbezahlten Eigenheim sitzt und denkt: „Die sollen halt sparen, so wie wir.“

Aber wofür spart ihr? Für die Pflege, die vielleicht kommt? Für die Enkel, die dann 50 sind, wenn sie erben? Für die Sicherheit, die ihr längst habt?

Ich verstehe das Bedürfnis nach Absicherung. Wirklich. Aber irgendwann kippt Vorsorge in Horten. Und Horten ist keine Tugend – es ist Angst in Zahlen.

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache

AltersgruppeMedian-VermögenTop 10% ab
Unter 35 Jahre17.300 €200.400 €
35–44 Jahre~70.000 €~400.000 €
55–64 Jahre~210.000 €1.061.200 €
65–74 Jahre~180.000 €1.019.800 €

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Daten 2023

Es geht nicht um Schuld – es geht um Verantwortung

Ich will hier keinen Generationenkrieg anzetteln. „Ok Boomer“ ist ein müdes Meme, kein Argument. Und ja, viele Babyboomer haben hart gearbeitet, in einem System, das sie nicht gemacht haben.

Aber genau das ist der Punkt: Ihr habt das System nicht gemacht – ihr könnt es aber verändern. Oder zumindest seinen Kindern etwas früher etwas davon abgeben.

Die Idee des „warmen Händchens“ – also Schenkungen zu Lebzeiten – ist nicht neu. Sie ist nur erschreckend selten. Dabei wäre der Effekt enorm: Ein 30-Jähriger, der 50.000 Euro für eine Wohnungsanzahlung bekommt, hat davon mehr als ein 55-Jähriger, der eine Million erbt, die er nicht mehr braucht.

Was ich mir wünschen würde

Einen offenen Umgang mit dem Thema Geld in Familien. Laut einer US-Studie haben fast 70 Prozent der vermögenden Eltern noch nie mit ihren Kindern über den familiären Reichtum gesprochen. Über Geld redet man nicht – dieser Satz hat ausgedient.

Vielleicht ist das der erste Schritt: Nicht das Erbe vorzuziehen, nicht alles zu verschenken, sondern einfach nur ehrlich zu sein. Darüber, was da ist. Darüber, was geplant ist. Darüber, warum man spart – und wofür.

Denn die Alternative ist ein stilles Warten auf beiden Seiten. Die Älteren fragen sich, ob die Jungen sie nur wegen des Geldes besuchen. Die Jüngeren fragen sich, ob sie je die Chance bekommen, ihr Leben aufzubauen, ohne auf den Tod ihrer Eltern zu spekulieren.

Beides ist unwürdig.

Eine Bitte zum Schluss

Liebe ältere Generation: Ihr habt in einer historisch einmaligen Phase Wohlstand aufgebaut. Das ist eine Leistung. Aber Vermögen ist kein Pokal, den man poliert, bis man stirbt. Es ist ein Werkzeug – und Werkzeuge sind am nützlichsten, wenn man sie benutzt.

Eure Kinder und Enkel brauchen keine Millionen. Sie brauchen eine faire Chance. Und manchmal ist eine kleine Summe zum richtigen Zeitpunkt mehr wert als ein großes Erbe, das zu spät kommt.

Die ehrliche Frage ist also nicht: „Was passiert mit eurem Geld?“

Die ehrliche Frage ist: „Wann passiert etwas mit eurem Geld?“

Diese Kolumne gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Haben Sie eine andere Sicht? Schreiben Sie uns.

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✍️ Redaktion

Eine Kolumne über die Dinge, über die wir zu selten sprechen – Geld, Generationen und das, was dazwischen liegt.

📅 Veröffentlicht am 23. Januar 2026

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