Egisto Ott Spionageprozess: Gmail, Ibiza & ARBÖ-Chaos vor Gericht

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Egisto Ott Spionageprozess: Der ehemalige BVT-Chefinspektor verteidigt sich am zweiten Verhandlungstag wortreich vor Gericht. Von Gmail-Sicherheit über Ibiza-Video bis zum ARBÖ-Notruf – Ott liefert skurrile Erklärungen für die schweren Spionagevorwürfe.

Das Wichtigste in Kürze

  • Angeklagter: Egisto Ott (63), Ex-Chefinspektor des aufgelösten BVT
  • Vorwürfe: Spionage für Russland, Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit, Verletzung des Amtsgeheimnisses
  • Gmail-Argument: „Auf Gmail ist es mit Sicherheit sicher – nur die NSA liest mit“
  • ARBÖ-Anekdote: BVT-Mitarbeiterin rief bei Einbruch versehentlich den Automobilclub an
  • Ibiza-Verbindung: Ott soll Daten zu BVT-Beamten weitergegeben haben, die er mit dem Ibiza-Video in Verbindung brachte
  • Prozessdauer: 10 Verhandlungstage geplant, Urteil frühestens März 2026

Der Egisto Ott Spionageprozess geht am 24. Januar 2026 in die zweite Runde. Am Wiener Landesgericht verteidigte sich der 63-jährige Ex-Verfassungsschützer wortreich gegen die schweren Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Dabei lieferte Ott Aussagen, die zwischen Selbstbewusstsein und Skurrilität pendeln – von der angeblichen Sicherheit von Gmail bis zur chaotischen Notruf-Situation im BVT.

Warum verwendete Ott Gmail statt Dienst-E-Mail?

Ein zentraler Anklagepunkt betrifft die Bespitzelung eines abtrünnigen russischen Geheimdienst-Offiziers. Ott räumte ein, dessen Aufenthaltsort ermittelt zu haben – allerdings nicht für Russland, sondern für einen „westlichen Partnerdienst“. Auf die Frage, warum er dafür seine private Gmail-Adresse statt der dienstlichen E-Mail nutzte, hatte Ott eine bemerkenswerte Erklärung parat.

„Auf Gmail ist es mit Sicherheit sicher, die einzigen die auf Gmail mitlesen, das ist ja allgemein bekannt, ist die NSA. Und vor denen brauche ich nichts geheim halten.“

— Egisto Ott vor Gericht

Sein dienstliches Smartphone sei ohnehin unbrauchbar gewesen: „Nur ein altes, auf dem man nur telefonieren und SMS schreiben kann, mit daumengroßem Bildschirm.“ Unterlagen zu seiner angeblichen geheimen Mission gebe es nicht – eben weil sie geheim gewesen sei. Seine Vorgesetzten hätten trotzdem Bescheid gewusst.

Was hat der ARBÖ mit dem BVT zu tun?

Um die mangelnde Sicherheit im Bundesamt für Verfassungsschutz zu illustrieren, erzählte Ott eine Anekdote, die im Gerichtssaal für Verwunderung sorgte. Als einmal jemand nachts über den Zaun des BVT geklettert sei, habe eine Vertragsbedienstete „ganz verzweifelt den Notruf alarmiert“ – allerdings unter der falschen Nummer.

Mehrfach habe die Frau 123 angerufen. Das Problem: Unter dieser Nummer meldet sich nicht die Polizei, sondern der ARBÖ. Der Automobilclub habe „jedes Mal gesagt, er kann nicht helfen“.

Welche Rolle spielt das Ibiza-Video?

Ein weiterer Anklagepunkt betrifft die Verletzung des Amtsgeheimnisses im Zusammenhang mit dem Ibiza-Video. Laut Staatsanwaltschaft soll Ott 2019 dem damaligen Generalsekretär im Außenamt, Johannes Peterlik, personenbezogene Daten von BVT-Beamten mitgeteilt haben, die er mit der Erstellung des berüchtigten Videos in Verbindung brachte.

Außerdem soll der Ex-FPÖ-Abgeordnete Hans-Jörg Jenewein Ott auf die Zusammensetzung der „Soko Tape“ angesetzt haben – jene Ermittlungsgruppe, die nach dem Ibiza-Skandal eingerichtet wurde.

Was sind die konkreten Vorwürfe?

VorwurfZeitraumDetails
Nachrichtendienstliche Tätigkeit2015–2020Datenerhebung für russische Interessen
Bestechlichkeit2017–2021Datenweitergabe an Jan Marsalek
SINA-LaptopNov. 2022Weitergabe an russische Agenten (20.000 €)
Amtsgeheimnis2019Daten zu Ibiza-Video-Erstellern
DiensthandysWeitergabe an FSB über Marsalek

Was sagt Ott zu den Geldflüssen?

Die Staatsanwaltschaft wirft Ott vor, für seine Datenabfragen von Martin Weiss – einem ehemaligen BVT-Abteilungsleiter mit mutmaßlichen Verbindungen zu Jan Marsalek und dem russischen Geheimdienst – bezahlt worden zu sein. Ott bestreitet das vehement.

„Er hat mich immer unterstützt. Er hat mir einmal 6.000 Euro geliehen“, erklärte der Angeklagte. Es habe „keine Bezahlung gegeben. Das war ein Privatkredit.“ Die mediale Behauptung, Weiss sei für Wirecard als Berater tätig gewesen, sei „ein Blödsinn“.

Laut Anklage war Otts finanzielle Lage im Tatzeitraum „prekär und angespannt“. Er habe seinen bevorzugten Lebensstandard „nicht mit seinem Beamtengehalt allein, sondern nur durch hohe Bargeldeinnahmen aus unbekannten Quellen“ finanziert.

Warum nennt Ott das BVT einen „Swingerclub“?

Am zweiten Verhandlungstag wurden auch die sogenannten Lederhosen-Fotos thematisiert. Ott hatte diese Bilder, die BVT-Beamte und einen südkoreanischen Kollegen beim Kauf von Lederhosen zeigen, an den Ex-FPÖ-Abgeordneten Hans-Jörg Jenewein weitergeleitet.

„Es geht um die Missstände. Da sieht man die zwei Beamten und das ganze Holla-Da-Ro. Es gebe ja noch weitere Aufnahmen, wo die alle in einer Karaoke-Bar sind. Das sind Missstände! So etwas macht man nicht. Das BVT und das Innenministerium seien damals zu einem Swingerclub geworden. Ich steh auch heute dazu.“

— Egisto Ott zur Weitergabe der Fotos

Auf die Frage, warum er ausgerechnet Jenewein informiert habe, verwies Ott auf dessen damalige Funktion im geheimen Unterausschuss des Sicherheitsausschusses. Jenewein sei „zuständig für die Kontrolle“ gewesen. Die parteipolitische Zugehörigkeit des FPÖ-Politikers habe dabei keine Rolle gespielt.

Wie verlief der zweite Verhandlungstag?

Bemerkenswert: Fragen der Staatsanwaltschaft beantwortete Ott auch am zweiten Verhandlungstag nicht. Als die drei Anklagevertreter diese zumindest protokolliert haben wollten, lehnte der Schöffensenat dies ab.

„Wenn wir unsere Fragen im Laufe des ganzen Prozesses nicht stellen dürfen, werden wir sie halt im Schlussplädoyer aufwerfen. Dann kann sich der Angeklagte aber nicht mehr verteidigen“, warnte der Staatsanwalt. Der Richter entgegnete nur: „Er kann es sich ja noch überlegen.“

Nach seiner erstmaligen Suspendierung war Ott zur Sicherheitsakademie versetzt worden. Dort habe er als „weißer Elefant“ gesessen und „kein Aufgabengebiet“ gehabt: „Ich hab‘ den ganzen Tag Daumen gedreht.“

Wer ist der Mitangeklagte?

Neben Ott steht ein ehemaliger Polizist vor Gericht, der beim BVT als Forensiker tätig war. Seine Beziehung zu Ott beschrieb er so: „Wir kennen uns seit 20 Jahren. Da ergibt sich’s, dass man privat auf a Bier geht. Man versteht si oder net.“

Für den „Herrn Egisto“ habe er private Aufträge erfüllt, ohne sich dabei etwas zu denken: „Der wird mir net a Gift ins Sackerl geben.“ Auch er bekennt sich nicht schuldig.

Wie geht es weiter?

TerminEreignis
22.–23. Januar 2026Verhandlungstage 1 & 2 (abgeschlossen)
Mitte Februar 2026Erste Zeugenladungen (89 beantragt)
Frühestens März 2026Urteil nach 10 Verhandlungstagen

Die Staatsanwaltschaft hat in der Anklageschrift die Einvernahme von 89 Personen beantragt. Ob alle erscheinen werden, ist unklar – auch weil sich manche in Österreich nicht sicher fühlen.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Egisto Ott?

Egisto Ott (63) war Chefinspektor beim mittlerweile aufgelösten Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Er ist seit 2017 suspendiert und erhält weiterhin rund 2.200 Euro netto vom Staat. Ihm wird vorgeworfen, für Russland spioniert zu haben.

Was wird Egisto Ott vorgeworfen?

Die Anklage umfasst nachrichtendienstliche Tätigkeiten zugunsten Russlands, Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit sowie Verletzung des Amtsgeheimnisses. Er soll Daten an Jan Marsalek und russische Geheimdienste weitergegeben haben, darunter einen SINA-Laptop mit geheimen Informationen.

Was hat Jan Marsalek mit dem Fall zu tun?

Jan Marsalek ist der per internationalem Haftbefehl gesuchte ehemalige Wirecard-Vorstand. Ott soll in seinem Auftrag Personendaten aus Polizeidatenbanken abgefragt und weitergegeben haben. Marsalek wird mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung gebracht.

Was hat das Ibiza-Video mit dem Ott-Prozess zu tun?

Ott soll 2019 Daten von BVT-Beamten weitergegeben haben, die er mit der Erstellung des Ibiza-Videos in Verbindung brachte. Zudem soll er für den FPÖ-Politiker Hans-Jörg Jenewein die Zusammensetzung der „Soko Tape“ ausspioniert haben.

Wie lautet Otts Verteidigungsstrategie?

Ott bekennt sich nicht schuldig und bezeichnet alle Vorwürfe als „konstruiert“. Er behauptet, im Interesse westlicher Partnerdienste gehandelt zu haben. Seine Verteidiger argumentieren, er sei ein politisch motiviertes Opfer und ein unbequemer Kritiker im BVT gewesen.

Welche Strafe droht Egisto Ott?

Bei einer Verurteilung wegen Spionage drohen dem 63-Jährigen mehrere Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft spricht von „vereinfacht gesagt Landesverrat“. Das Urteil wird frühestens im März 2026 erwartet.

Was sind die Lederhosen-Fotos?

Fotos, die BVT-Beamte und einen südkoreanischen Kollegen beim Lederhosen-Kauf zeigen. Ott leitete diese an den FPÖ-Politiker Hans-Jörg Jenewein weiter. Ein früherer Freispruch in dieser Sache wurde vom OGH aufgehoben.

Fazit: Spionageprozess mit Polit-Brisanz

Der Egisto Ott Spionageprozess offenbart die Abgründe des österreichischen Verfassungsschutzes. Zwischen Gmail-Sicherheitstheorien, ARBÖ-Pannen und Swingerclub-Vorwürfen zeichnet sich ein Bild, das weit über einen einzelnen Beamten hinausgeht. Die Verbindungen zu Jan Marsalek, dem Ibiza-Video und russischen Geheimdiensten machen diesen Prozess zum wichtigsten Spionagefall Österreichs seit Jahrzehnten. Ob die Geschworenen Otts Erklärungen glauben, entscheidet sich frühestens im März.

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✍️ Redaktion

Unsere erfahrene Redaktion berichtet über aktuelle Entwicklungen in Politik und Justiz. Quelle derStandard.at

📅 Veröffentlicht am 24. Januar 2026

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